Das Labyrinth

 

 

Er hatte es immer gewusst.

 

Und er hatte es immer geahnt, dass er es weiß, dass dieses Wissen irgendwo in ihm ist und auf Entdeckung wartet.

 

Es hat sich nie aufgedrängt, es wollte gesucht und gefunden werden, aber es hatte sich auch nie versteckt.

 

In der Erinnerung erlebt er frühe, sehr frühe Kindheitstage: Geborgenheit, Leichtigkeit, Staunen und Neugierde, Freiheit und Freude waren da seine Begleiter.

Ja, sein Blick auf die Welt war unverstellt, nicht zugestellt und auch nicht voreingestellt.

Und alles, was war, war richtig, konnte so bleiben und musste nicht geändert werden.

Der Rasen war ein Rasen und die Wiese war eine Wiese und bei keinem von beiden gab es einen Anlass, etwas zu verbiegen.

 

Aber bald schon setzte für ihn ein Prozess ein, der diesen Zustand auf lange Jahre vergessen machte:

 

Er begann zu lernen.

 

Nicht die Schule, nicht Lesen, Schreiben und Rechnen, nicht die nützlichen Künste waren nun die Zerstörer seiner Unversehrtheit, es war ein anderes Lernen, das jetzt einsetzte.

Er begann zu lernen, worum es im Leben geht.

Es begann schleichend, Menschen waren ihm nah und er empfand Sympathie und er wollte wie sie sein und er imitierte sie. Er übernahm auch deren Ansichten und Meinungen und hielt sie für eigene Erkenntnisse und Erfahrungen.

Der Alltag wurde für ihn mehr und mehr zu einem ständigen Aufsaugen von Wahrheiten, die ihm von überall vor die Füße geworfen wurden.

Er lernte- und lernte vor allem, dass die Wahrheit von gestern heute schon überholt sein kann.

 

Und manchmal war ihm, als gäbe es nur Lehrende, als wüssten alle anderen, worum es eigentlich geht, so sehr und so eindringlich wollten sie ihm ihre Wahrheiten verkaufen oder andrehen oder überstülpen.

 

Und so war er dann schnell mittendrin im Labyrinth des Lebens.

Im Labyrinth der Ansichten, Meinungen, Wahrheiten, der Forschung und der Erkenntnisse, der Philosophien und Religionen, der Geschichtswissenschaft und der Wirtschaftstheorien.

Im Labyrinth der Politik, der Erziehung, des Geldes, der Magie, der Heiler und Schamanen, der Sprachen.

Der Gerüche, Töne und Farben, der Medien, Presse Funk und Fernsehen, des Internets, der Musik, der Dichtung und der schönen Künste.

Im Labyrinth der Versprechen und der Verlockungen, der Hoffnungen und der Sehnsüchte, der Fehlschläge, der Enttäuschungen und der Trauer.

 

Im Labyrinth des Lebens.

 

Irgendwo mittendrin war er und all diesen lärmenden Inhalten und Botschaften und Versprechungen ohne wirksamen Schutz ausgeliefert, zwischen wehenden Fahnen und blitzenden Werbespots und gebrüllten Parolen.

Er war im unendlichen Chaos, im unendlichen Lärm, im Labyrinth des Wahnsinns.

 

Und dann waren da plötzlich diese Stufen….

Eigentlich war es ein Treppenaufgang, aber um weitere wichtige und heilsbringende Botschaften aufhängen zu können, hatte man Treppe und Gang zugehängt.

Und dann waren da doch zwei Stufen unten unter den aufgehängten schrillen Fahnen und Plakaten sichtbar.

Er sah sie nicht zum ersten Mal, oft war er an ihnen vorbeigelaufen, das Bild war ihm bekannt.

Heute aber war etwas anders, die Stufen schienen ihm interessant, mehr: fast geheimnisvoll verlockend. Ihr Versprechen hatte für ihn etwas Argloses, etwas Unschuldiges, beides Eigenschaften oder Zustände, deren Begegnung und Erfahrung er lange entbehrt hatte.

Ohne erst lange einen Entschluss zu fassen, handelte er spontan:

Er schob die herabhängenden Plakate und Fahnen zur Seite setzte den Fuß auf die untere Stufe, schlüpfte durch den Spalt und begann den Aufstieg.

Obwohl er es überhaupt nicht gewohnt war, steile Treppen Stufe um Stufe hinaufzusteigen, strengte ihn dieser Aufstieg nicht an- oder richtiger: diese Anstrengung wurde ihm nicht bewusst, fand keine Aufmerksamkeit, keine Beachtung in seiner Wahrnehmung.

Etwas anderes lockte seine völlige Konzentration und versprach und schenkte ihm auch sogleich ein

neues und beruhigendes Erlebnis.

Beruhigend im eigentlichen Wortsinn: mit jedem neuen Schritt in die Höhe wurde der bisher als unvermeidlich eingestufte Lebenslärm ein wenig dumpfer, weniger scharf und schrill- leiser.

Der Lärm ebbte ab, beruhigte sich und diese Ruhe hielt auch bei ihm Einzug.

Irgendwann hörte er nichts mehr klar, von unten war nur noch ein Rauschen und melodisches Summen wahrnehmbar.

 

Wenn er hinuntersah, sah er einen gigantischen Strom tippelnder Füße, der sich durch Stadt und Land ergoss, durcheinandergewirbelte Individuen oder in Schwärmen vereint, mal in die eine Richtung, mal in eine andere und dann wieder zurückeilend.

All diese Füße wähnten sich auf dem richtigen Weg- irgendwohin, und versuchten ständig, die anderen von der Sinnhaftigkeit ihrer Ziele zu überzeugen.

Von hier oben war ihm aber klar ersichtlich, dass sie alle gleich viel oder gleich wenig Recht hatten, dass sie sich in einem Labyrinth ohne Ausgang befanden. In einem Irrgarten, in dem jeder Weg ein Irrweg ist.

Er saß und sah dies von hier oben und war froh über die Ruhe. Von außen und über die Ruhe in seinem Inneren, die sich jetzt mehr und mehr einstellte.

Ohne Ziel, ohne Aufgabe, ohne diese Angst, etwas zu verpassen, nicht zu verstehen, zu spät zu kommen, war es ihm jetzt leichter und leichter möglich, einfach nur da zu sein, zu betrachten, zu hören und sich zu spüren. Was er erlebte, reichte aus, musste durch nichts ergänzt werden, war gut, weil es gut war. Die Erinnerung war vollkommen, das Leben wieder unmittelbar erlebt.

 

Meistens wacht er an dieser Stelle auf.

Aber immer ist er dann dankbar für das Nachhallen dieser Ruhe, für die Mächtigkeit dieser Schwingung der Zufriedenheit, für dieses einfach, wirklich nur einfach so da zu sein.

Mittlerweile ist ihm dieses Erlebnis gut vertraut, manchmal überlegt er mittendrin im Erleben, ob er zurückgehen solle, wieder hinabsteigen zu den Leuten unten, um ihnen von der Treppe zu berichten.

Aber würde man ihm glauben? Würde man nicht in endlosen Diskussionen ihm klarmachen wollen, dass das so gar nicht sein könne. In die Höhe steigen, was für ein Unsinn. Woher hat er diese krude Ansicht, würde man ihn fragen. Hör lieber auf mit diesem Unsinn, man hält dich sonst noch für krank.

 

So bleibt er, wo er ist und genießt seinen friedvollen Zustand bis zum Aufwachen – und noch danach.