Das mußt du mir nicht erzählen
Die entspannte Version
"Das mußt du mir nicht erzählen".
Wer hat das nicht schon oft gehört . Und die Botschaft verstanden?
Als einfache Aussage, ohne weitere Betonung lautet die wohl: Hehres Gegenüber, auch ich bin im Besitz dieser Wahrheit, daher ist es überflüssig, mir diese Information zukommen zu lassen. Das ist dann die entspannte Version.
Die Beunruhigte
Ein wenig schwingt vielleicht auch die Beunruhigung mit, nicht als Teilhaber der angesprochenen Wahrheit erkannt worden zu sein. Daher die prompte Richtigstellung: "Das musst Du mir nicht erzählen". Das ist dann schon etwas unentspannter, beunruhigt eben. Man hält mich vielleicht für blöd....
Die Zurückweisende
Schleicht sich zusätzlich noch eine Betonung in den Satz, wird die Botschaft verändert.
Legen wir Nachdruck auf das "Du" heißt die Aussage: "Das mußt DU mir nicht erzählen, Du nicht". Also vielleicht jeder andere, aber auf jeden Fall nicht das aktuelle Gegenüber. Hier finden wir eine Empfindlichkeit des Belehrten, denn als Belehrung fasst er die Information auf. Nicht nur als unnötige Belehrung, sondern auch aus unberufenem Munde, so wird es jedenfalls empfunden. Das kann nur bedeuten, daß der Belehrte den anderen als normalerweise intellektuell unterlegen betrachtet und diese jetzige Entgleisung in Richtung Selbstüberschätzung sofort korrigieren will. "Freundchen, es bleibt alles beim Alten, ich weiß was Sache ist und Du bist still".
Die Abfällige
Es geht aber noch krasser: "Merkst Du das auch schon...?"
Die Wirkung ist hier etwas heftiger, das intellektuelle Gefälle vom Sprecher zum Angesprochenen wird klar herausgestellt. Die Verwunderung, daß der andere besagte Wahrheit bemerkt hat, bringt zum Ausdruck, daß der ihm solches üblicherweise nicht zugetraut hätte.
Sozial kompromißbereit bleibt die Aussage, solange sie freundschaftlich verpackt ist. Sie könnte eben so daher kommen: "Schön, daß Du auch darauf gekommen bist". Das Gefälle bleibt ersichtlich, aber die ausgestreckte Hand ist da.
Ganz anders in folgender Verpackung: "Wer hat Dir das denn gesteckt, da bist Du doch nicht von allein dahinter gestiegen". Dreht sich um und geht. Aus.
Frechheit sowas.
Noch eine Zurückweisung
Weitere Variante: das "mir" erfährt eine Betonung.
"Das mußt Du Mir nicht erzählen, MIR nicht". Pure Empörung, bei jedem
anderen wäre diese Belehrung, eine solche ist es auch hier, nützlich und hilfreich gewesen. Aber nicht für den hier so gänzlich unnötig Belehrten. Hier muß der beim Informierenden völlig falsche Eindruck korrigiert werden, der Angesprochene hätte irgendetwas nicht in Gänze unter Kontrolle.
Und noch eins drauf...
Hübsch ist auch eine Zurückweisung der Information mit Betonung beider Varianten.
"DU willst das MIR erzählen, ausgerechnet DU MIR ???"
Aus Sicht des Sprechers wird eine vermeintlich sichere intellektuelle Hierarchie in revolutionärer Weise attackiert und der Angreifer muss umgehend in seine Schranken gewiesen werden.
Die Lehre?
In allen diesen Betrachtungen stellen wir jedenfalls fest, daß die Kontrahenten sich in einer formellen Auseinandersetzung befinden, wie freundlich oder aggressiv auch immer. Was definitiv nicht stattfindet, ist eine inhaltliche Auseinandersetzung.
Schade, meistens geht es gerade um diese.